21 I Von der Nagelsperre geweckt

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Tiefflug und Salto

Surviving Fresno

Nach einer weiteren sternenklaren Nacht im Sequoia Nationalpark werde ich um 6:30 Uhr von der Sonne geweckt. Bald schon aber werde ich wieder Sterne sehen, zuerst gibt's aber einen Kafi.


Dass ich wieder zur Frühaufsteherin werde, hat einen Grund: Das Dach des Walmart-Zelts, durch dessen Netz man einen wunderbaren Blick auf die Sterne hat - oder eben die Sonne auf mich. Da wir in letzter Zeit nur schönes, trockenes Wetter haben, sind da also unzählige Sternschnuppennächte und Träumereien zusammengekommen. Verträumt stehe ich also auf, man könnte auch sagen verpeilt, trinke einen Schluck Kaffee, esse die Resten des verkohlten Broccolis und mache mich parat für die Weiterreise. Reto und ich fahren los, um nochmals in den Sequoia Nationalpark zu stechen, in dessen kühlen Schutz wir dann praktisch nahtlos den Yosemite Nationalpark erreichen würden.


Beim Ausgang des Campings passiert das, was mich hier zur Berichterstattung des unspektakulärsten Motorradunfalls der Geschichte inspiriert. In etwa so uninteressant wie vier Stunden in der Notfallannahme eines Provinzspitals zu warten, stundenlang Verband zu wechseln oder sich gemäss Health-App mit nur 300 Schritten am Tag zu begnügen. Aber irgendwie gehört ein Unfall ja zu jedem guten Roadtrip dazu und wird deshalb hier auch anständig verwurstelt– ob erwünscht oder nicht. Quasi mein eigenes kleines Sommerloch im Knöchel:-)


Also eben, es ist Morgen, ich verpeilt und das Motorrad nass (nass, weil ich es mit einer Wasserflasche übergossen habe, sodass ich mich mit meinen halbnackten Beinen nicht am aufgeheizten Sattel verbrenne): Plötzlich sehe ich diese Krallenbahn aus der Strasse ragen, halt so Strassensperren-like wie es sie manchmal bei Banken oder Regierungsgebäude gibt – aber doch nicht bei einem hundsgewöhnlichen Campingplatz! Ich bin irritiert, verwundert, «flabbergasted» wie Reto sagen würde und bremse, was das Zeug hält. Natürlich nur mit der Vorderbrems, was dazu führt, dass mein Bike mit den nassen Pneus eine schlüpfrige Symbiose mit dem Sand auf der Strasse eingeht. In diesem Tumult der chemischen Neubildungen und Verbindungen gehe ich zu Boden. Gemeinsam schlittere ich mit meinem Töff über die Krallen. Nichts geschieht, ausser dass ich fluche und mein Fuss unter dem Töff eingeklemmt ist. Als ich ihn rausziehe, gibt es noch ein Indianertänzchen für die eingetroffenen Schaulustigen und Amateurhelfer – ein Verhalten, das ich schon als Kind an den Tag legte und das Schmerzen und Aggressionen lindert. Als ich da so einen auf Pocahontas mache, realisiere ich, dass einiges aufgeschürft ist, aber nix wirklich kaputt.



Schnell ist alles unter Kontrolle und ich entscheide, dass ich noch bis zum nächsten Spital fahren kann. Reto ist ab so viel Action ein bisschen aus dem Häuschen und packt stolz sein FirstAid-Kit aus. Zwei Stunden später kommen wir im Clovis Medical Center in Fresno an. Meinen Arm kann ich zu dieser Zeit kaum noch bewegen, mein Knöchel pulsiert und die Schürfungen tuen vor allem weh, wenn ich sie anschaue. Alles im grünen Bereich also. Nix gebrochen, einiges verstaucht, Prellungen und die Wunde am Knöchel muss genäht werden. Der Arzt ist sehr nett, aber vergisst leider, mir Antibiotika zu verschreiben, was sich ein paar Tage später mit einer Entzündung am Fuss bemerkbar macht. Nervig, dass wirnun unnötig in der hässlichsten Stadt der USA festsitzen (gemäss Forbes Liste die dreckigste, arbeitsloseste und kriminellste Stadt Kaliforniens). Wenigstens dämmt der Rauch der Waldbrände die Sonneneinstrahlung und macht den Mond lustig orange - so erleben wir jeden Abend eine gefälschte Mondfinsternis.


Schlussendlich aber bin ich froh, dass ich nicht irgendwo in der Wüste Indiana Jones nacheifern muss und lieber «Ants in the pants» als Maden in der Wunde habe. Wir sind in einem Motel, das in einem Trakt gestrandete Touristen beherbergt, die in den brennenden Yosemite Nationalpark wollten. Auf der anderen Seite des Pools vermieten sie Zimmer an Arbeitslose, Drögeler, andere Sozialfälle und uns.


Nun sind wir schon eine Woche da, morgen endlich geht’s weiter, nachdem wir nun das einzige Highlight im Fresno gesehen haben: Der Chaffee Zoo. Reto chauffiert mich zwar in einem Rollstuhl für Fettleibige rum, dafür geht es meinem Fuss besser. Sogar so gut, dass ich dem Inder, der das Hotelzimmer neben uns bewohnt und wegen seinen Fussfesseln dieses nicht verlassen darf, ein Pepsi über die Strasse holen kann. Und zum Glück gibt’s ja noch Netflix, Kindl, Thai Take Aways, Bier und Retos tägliche Salto-Show am Pool.


Wir beide haben aber so richtig den Fresno-Koller, auch wegen all den fussgefesselten Frenso Killern...Nach acht Tagen sind wir heilfroh, dass wir endlich Richtung Silicon Valley aufbrechen, wo wir Freunde besuchen werden.

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